Hilfe für Hannah

Aktuell

In dieser Rubrik werden Sie Neuigkeiten über Hannah finden, aber auch ab und an Neuigkeiten über mich. Ich möchte versuchen, gesunden Menschen einen Einblick in den Alltag CFIDS-Kranker zu geben. Unsere Zeit läuft langsamer als die der anderen. Wir sind langsamer. Oft ändert sich monatelang trotz Medikamenten nichts an unserem Zustand, bis sich dann eine kleine Besserung einstellt. Wir haben gelernt, geduldig zu sein und zu warten. Zeit bedeutet für uns irgendwie etwas anderes als es früher bedeutet hat. Wir denken in großen zeitlichen Räumen, wenn es um Heilung geht – und dennoch kommt uns eine Stunde wesentlich länger vor als früher, da wir für eine Stunde Leben so viel Kraft benötigen wie früher für einen ganzen Tag.

Ich hoffe, ich kann mit meinen Beiträgen in dieser Rubrik anderen Menschen unser Leben etwas näher bringen.



Januar 2012 - Die Leitlinie der DEGAM



Die DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizinund Familienmedizin) gibt zu verschiedenen Krankheitsbildern Leitlinien heraus, in denen sich Ärzte über Diagnostik und Behandlung informieren können. Im vergangenen Jahr wurde die Leitlinie „Müdigkeit“ überarbeitet. In dieser Leitlinie geht es um verschiedene Erkrankungen, die mit dem Symptom Müdigkeit verbunden sind. Ein kurzes Unterkapitel der Leitlinie beschäftigt sich mit ME/CFS. Auch in der zur Leitlinie gehörenden Patienteninformation ist ein Abschnitt zu ME/CFS zu finden. Der folgende Artikel ist der Versuch einer Analyse der Leitlinie – und zeigt die Konsequenzen auf, die sich daraus für die Patienten ergeben.


In der Patienteninformation schreibt die DEGAM:
„Auch wenn die Diagnose des ‚Chronischen Müdigkeitssyndroms‘ gestellt werden kann, ist das für die Patienten jedoch häufig nur wenig hilfreich. Denn es gibt keine spezielle Therapie mit nachgewiesener Wirksamkeit, und es besteht die Gefahr, dass diese Menschen sich zurückziehen oder resignieren.“
Hier wird behauptet, dass es "nur wenig" hilfreich wäre, eine korrekte Diagnose zu stellen. Die Unsinnigkeit dieser Behauptung springt sofort ins Auge:
Nur wer eine korrekte Diagnose hat, kann behandelt werden! Würde jemand behaupten, es sei nicht hilfreich, bei einem Menschen Krebs zu diagnostizieren, weil dadurch die Gefahr bestünde, dass der Patient resigniert? Jede Krankheit, egal ob akut oder chronisch, ob körperlich oder seelisch, ob lebensbedrohlich oder harmlos, jede Krankheit muss zuerst diagnostiziert werden, wenn man sie behandeln will. (Die Aussage, es gäbe keine Therapie mit nachgewiesener Wirksamkeit, ist schlichtweg falsch. Richtig ist vielmehr, dass es keine Therapie gibt, die bei allen Patienten gleichermaßen hilft – dies ist bei vielen anderen Krankheiten auch der Fall.) Die DEGAM hält es aber für „wenig hilfreich“, die Diagnose ME/CFS zu stellen.

Folgerichtig werden also auch die Möglichkeiten zur Diagnostik als "Körperverletzung" verteufelt. In der Leitlinie lesen wir:
"Die insbesondere nach dem kanadischen Dokument - ohne sinnvolle Konsequenz - vorgeschlagenen Zusatzuntersuchungen haben zusammengenommen ein an Körperverltzung grenzendes iatrogenes Pathogenisierungspotenzial."
Das heißt: Die Autoren der Leitlinie behaupten, dass die Untersuchungen, die im Kanadischen Konsensdokument vorgeschlagen werden, nicht nur unnötig seien, sondern sogar eine Körperverletzung darstellen würden, und zwar in dem Sinne, dass der Arzt durch die Untersuchungen dem Patienten das Gefühl vermittelt, er leide an einer schweren körperlichen Krankheit. Diese Behauptung wird einfach als Wahrheit dargestellt ohne sie durch Studien oder Argumente zu begründen.

Schauen wir uns einmal an, wer das Kanadische Konsensdokument verfasst hat.

Nancy Klimas ist Professorin für Medizin in Mikrobiologie, Immunologie, Allergologie und Psychologie und sie ist Vorstandsmitglied der International Association für Chronic Fatigue Syndrome. Daniel Peterson, Facharzt für Innere Medizin, ist Vorstandsmitglied der American Association of Chronic Fatigue Syndrome und Mitglied der International Chronic Fatigue Syndrome Study Group.
Kenny De Meirleir ist Professor für Physiologie und Medizin. Martin Lerner ist Professor für Innere Medizin. (um nur einige Autoren des Dokumentes zu nennen...). Alle Autoren des Kanadischen Konsensdokumentes behandeln seit Jahrzehnten ME/CFS-Patienten. Sie sind in der Forschung tätig und haben Artikel zu ME/CFS veröffentlicht. Viele von ihnen treten regelmäßig als Referenten bei internationalen Kongressen zu ME/CFS auf.
Liest man die Vitae der Leitlinien-Autoren (alle Fachärzte für Allgemeinmedizin), so ist nicht festzustellen, dass diese auf ME/CFS spezialisiert oder gar in der Forschung aktiv wären.

Das bedeutet: Hier kritisieren vier Allgemeinmediziner, die weder Erfahrung in der Behandlung von ME/CFS-Patienten vorweisen können noch in der Forschung tätig sind, die Empfehlungen von Ärzten, die seit Jahrzehnten ME/CFS-Patienten behandeln, und Wissenschaftlern, die weltweit als ME/CFS-Forscher bekannt sind. Ohne ihre Meinung weiter zu begründen oder durch Studien zu bestätigen, behaupten sie, die vorgeschlagenen Untersuchungen stellten eine „Körperverletzung“ dar. Die Situation wird dadurch noch krotesker, da dieser Satz nicht von den Leitlinien-Autoren selbst, sondern von einem der Paten, die die Leitlinie autorisieren müssen, vorgeschlagen wurde, nämlich von Diplom-Soziologe Martin Beyer. Herr Martin Beyer hat kein Medizinstudium und ist kein Arzt.

In der Konsequenz bedeutet das: Die Untersuchungen, die organische Ursachen für die Beschwerden der Patienten aufzeigen würden, werden gar nicht erst durchgeführt. Der Patient kann direkt zum Psychiater überwiesen werden, der die „falsche Krankheitsüberzeugung“ des Patienten korrigieren soll.


Diese Vorgehensweise beruht auf der von den Autoren ungeprüft übernommenen, durch keine einzige evidenzbasierte Studie belegte und nur von Psychiatern aufgestellten These, dass ME/CFS auf einer falschen Krankheitsüberzeugung und einer daraus resultierenden übermäßigen Schonhaltung und der entsprechend folgenden Dekonditionierung beruhe und demgemäß mit Verhaltenstherapie – zur Korrektur der „falschen Krankheitsüberzeugungen“ – und ansteigendem körperlichen Training – zur Korrektur der Dekonditionierung – zu behandeln sei. Diese krude Krankheits“theorie“, die die biomedizinischen Annomalien bei ME/CFS vollkommen ignoriert, geht im Wesentlichen auf den britischen Psychiater Simon Wessely und seine Anhänger, der sogenannten Wessely-School zurück. Zu Simon Wessely später mehr.


Die im Kanadischen Konsensdokument vorgeschlagenen Untersuchungen können aber Hinweise auf eine mögliche Behandlung geben: Festgestellte Virusinfektionen können mit Medikamenten behandelt werden, eine Nebennierenrindenschwäche, nachweisbar durch einen Cortisol-Test, kann mit Cortisongaben gelindert werden, Vitaminmangelzustände können behoben werden usw. Dadurch ist es oft möglich, den Zustand des Patienten zu stabilisieren oder sogar zu verbessern.

Selbst wenn manche Untersuchungen ohne „sinnvolle Konsequenz“, d.h. ohne die Möglichkeit zur Behandlung, bleiben, so sind diese Untersuchungsergebnisse für den Patienten dennoch von großer Wichtigkeit: Er hat damit einen objektiven Beweis für seine Krankheit und seine Behinderung und das Ausmaß der Beeinträchtigung kann nachgewiesen werden, was für die Zuerkennung von Rentenansprüchen oder einem Schwerbehinderungsausweis entscheidend ist.


Betrachtet man die in der Leitlinie zu ME/CFS zitierten Studien, so fällt folgendes auf:

Von den 46 zu ME/CFS zitierten Studien sind 41 vor 2006 entstanden. Nur 5 Studien sind jünger als 5 Jahre. Von den 41 älteren Studien sind sogar 13 vor 1996 veröffentlicht worden – sie sind über 15 Jahre alt!

Natürlich ist eine jüngere Studie nicht automatisch besser als eine ältere. Aber es ist doch sehr auffällig, dass überwiegend ältere Studien (90 Prozent!) zitiert werden und aktuelle Studien in der Minderheit sind. Man erhält beinahe den Eindruck, die ME/CFS-Forschung hätte in den letzten Jahren keine nennenswerten Fortschritte gemacht. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Gerade in den letzten Jahren haben neue Entdeckungen zu einem besseren Verständnis der Erkrankung beigetragen. Diese Forschungen bleiben in der Leitlinie vollkommen unberücksichtigt.


Die DEGAM hat laut eigener Aussagen die Aufgabe, „wissenschaftliche Erkenntnisse zu verbreiten und damit die Qualität der Versorgung zu verbessern“. Bei den in der Leitlinie zitierten Studien sucht man jedoch die Namen bekannter ME/CFS-Forscher vergeblich.
Dr. Daniel Peterson, Prof. Nancy Klimas, Prof. José Montoya, Dr. Paul Cheney, Dr. David Bell, Judy Mikovits, Prof. Malcom Hooper, Prof. Kenny De Meirleir und viele andere sind Wissenschaftler, die bei internationalen ME/CFS-Kongressen ihre Forschungen vorstellen. Ihre Erkenntnisse werden in der Leitlinie nicht erwähnt. Man findet keinen einzigen Hinweis auf ihre Forschungen.


Stattdessen wird mehrmals Simon Wessely zitiert, ein englischer Psychiater, der sich immer wieder in geradezu menschenverachtender Weise über ME/CFS-Patienten geäußert hat. Einige Kostproben:

Über ME/CFS sagt Wessely:

Es ist bedauerlich, dass ME eine Modekrankheit, ja sogar eine Marotte geworden ist.“

Er ist der Auffassung, dass ME/CFS als Krankheit gar nicht existiert:

Ich behaupte, dass ME einfach nur eine Überzeugung ist, die Überzeugung, dass man eine Krankheit namens ME hat.“

Von den ME/CFS-Patienten ist er als Arzt angewidert:

Die Beschreibung eines führenden Gastroenterologen an der Mayo Clinic ist nach wie vor zutreffend: ‚Der durchschnittliche Arzt wird erkennen, dass sie neurotisch sind und er ist von ihnen oft angewidert.’“

Er zitierte einmal ärztliche Kommentare aus den Jahren 1880 und 1908 über Patienten mit Neurasthenie: „immer kränkenld, selten krank; ein nutzloses, schädliches Element der Gesellschaft; reine Verrückte; Faulheit, geistige Schwäche und Überempfindlichkeit ist für alle charakteristisch; der Schrecken des vielbeschäftigten Arztes“ und zog die Schlussfolgerung, dass solche Beschreibungen auf die heutigen ME/CFS-Patienten zutreffen würden.

Patienten mit schwerem ME/CFS sind für ihn nicht schwer krank, sondern eine finanzielle Belastung:

Patienten am schlimmen Ende des Spektrums stellen eine unverhältnismäßig große und vermeidbare finanzielle Last für die Gesundheits- und Sozialdienste dar.“

Er ist der Meinung, dass die Patienten deswegen krank bleiben, weil sie dann Sozialleistungen erhalten:

Manche würden gerne weiterhin den Begriff ME benutzen. Die Patienten möchten ihn wahrscheinlich beibehalten, weil sie nur mit diesem Etikett anspruchsberechtigt sind, um die Sozialleistungen des Staates anfordern zu können.“

Viele Patienten erhalten Sozialleistungen und sonstige Zahlungen, die einen Beitrag dazu darstellen können, dass es ihnen weiterhin schlecht geht. Eine allmähliche Erholung kann deshalb eine Drohung für finanzielle Verluste darstellen.“


Bei den Literaturangaben zu ME/CFS finden sich 12 Artikel von Simon Wessely. Das bedeutet: Gut ein Viertel der in der Leitlinie zitierten Literatur zu ME/CFS stammt von diesem Psychiater, der sich so abwertend und verachtend über die Menschen mit ME/CFS äußert.


Zusammenfassend kann man sagen: Die DEGAM hat die  Aufgabe, „wissenschaftliche Erkenntnisse zu verbreiten“ (Zitat aus einer Stellungnahme der DEGAM), kommt dieser Aufgabe jedoch nicht nach. Sie basiert ihre Empfehlungen zu ME/CFS überwiegend auf älteren Studien und lässt aktuelle Studien nahezu unberücksichtigt. Die Forschungen namhafter Wissenschaftler bleiben völlig außen vor. Stattdessen werden Artikel eines Psychiaters zitiert, der die ME/CFS-Patienten als „unvermeidliche, unbehandelbare und unattraktive Last“ bezeichnet hat und sie als „nutzloses, schädliches Element der Gesellschaft“ ansieht. Immunologische Bluttests werden den Patienten verweigert, Untersuchungen, die die organischen Annomalien bei ME/CFS aufzeigen können, werden als „Körperverletzung“ dargestellt. Eine korrekte Diagnosestellung hält die DEGAM nicht für erforderlich.


Die Leidtragenden sind die Patienten. Wer keine Untersuchungsergebniss hat, hat keinen "Beweis" für seine Krankheit. Sozialleistungen werden nicht zugestanden, Anträge auf Schwerbehinderung abgelehnt. Die Patienten werden in den finanziellen Ruin getrieben, da sie Untersuchungen selbst bezahlen müssen. Ich kenne junge Menschen, die sich hoch verschuldet haben, um Untersuchungen und Behandlungen zu finanzieren. Ich habe von Menschen gehört, die durch diese ausweglose Situation obdachlos geworden sind. Und immer wieder hört man von Patienten mit ME/CFS, die sich das Leben nehmen, weil sie keinen anderen Ausweg als den Freitod sehen.


Das Drama unseres Lebens ist nicht, dass wir schwer krank sind. Eine Krankheit ist ein Schicksalsschlag, der jeden treffen kann. Mit einer schweren Krankheit muss und kann man leben lernen. Viele andere kranke Menschen auf dieser Welt teilen mit uns dieses Schicksal.

Das Drama unseres Lebens ist es, schwer krank zu sein und keine medizinische Versorgung zu erhalten - obwohl, und das ist das Grausame daran, obwohl di möglich wäre (siehe Länder wie Norwegen und USA, in denen es Behandlunszentren für ME/CFS-Patienten gibt).

An dieser schlimmen Situation trägt die DEGAM eine Mitschuld. Bei der Überarbeitung der Leitlinie hätte die aktuelle Forschung berücksichtigt werden können. Allein: Diese Chance hat die DEGAM vertan. Wie viele Menschen mit ME/CFS deswegen in eine existenzielle Notlage geraten, wie viele aufgrund falscher Behandlungen zu Pflegefällen werden, wie viele diskriminiert und in ihrem Leiden nicht ernst genommen werden, und wie viele Menschen deswegen an den Folgen ihrer ME/CFS-Erkrankung sterben oder keinen anderen Ausweg als den Freitod sehen - niemand weiß es.




Dezember 2011 - Weihnachten



Weihnachten entwickelt sich für mich zum emotionalen Spießrutenlauf.

Als erstes kommt ein Brief von meiner Freundin L. Sie schreibt, dass sie nun ihre erste Stelle angetreten hat. Und sie schickt Fotos mit von ihren kleinen Kindern. Einen Tag später erhalte ich eine Karte von meiner Freundin Z., die vor kurzem ihr zweites Kind bekommen hat. Sie schickt Bilder von dem Neugeborenen mit seiner großen Schwester. Beim Anblick der Kinderfotos und beim Anblick der Fotos dieser glücklichen Familien zerreißt es mir das Herz.

Ich spüre ein sehr hässliches Gefühl in mir: dien Neid. Ja, ich gebe es offen zu: Das, was meine Freundinnen haben, das möchte ich auch gerne haben. Ich möchte auch gerne eine Berufsausbildung, mein eigenes Geld und – das wichtigste von allem – Kinder haben.

Es ist nicht so, dass ich das alles meinen Freundinnen nicht gönnen würde. Das Wohl meiner Freundinnen liegt mir sehr am Herzen und es würde mich unendlich betrüben, wenn irgendein Unheil ihr Glück gefährden würde. Ich wünsche ihnen von ganzem Herzen, dass sie weiterhin so glücklich sein können. Und trotzdem: Diese Kinderfotos zerreißen mir mein Innerstes.

An meinem Geburtstag klingelt ein Blumenbote – und bringt einen wunderschönen Blumenstrauß, den mir Hannah zukommen ließ. Es ist schon Jahre her, dass mir Hannah etwas geschenkt hat. Jedes Jahr fehlt ihr die Kraft. Einkaufen gehen kann sie nicht, und auch etwas im Internet zu bestellen, übersteigt oft ihre Kräfte. Ich weiß, dass sie sehr darunter leidet, dass sie den Menschen, die sie mag, meistens nichts schenken kann. Es ist eine der vielen Demütigungen, die diese Krankheit mit sich bringt: so schwach zu sein, dass man noch nicht einmal mehr seinen Lieben eine kleine Freude machen kann. Dieses Jahr hat sie es geschafft – und da sonst keine E-Mail, noch nicht einmal eine ganz kurze, kommt, kann ich erahnen, dass diese Blumenbestellung Hannah restlos entkräftet hat. Der Blumenstrauß ist wunderschön, mit rosa Rosen und Gerbera. Es ist mein schönstes Geschenk. Mein Mann muss ihn mir überall hinterher tragen (selbst tragen kann ich ihn nicht) – ins Wohnzimmer, in die Küche, zu meinen Eltern, immer muss der Blumenstrauß dabei sein.

In den nächsten Tagen erhalte ich einige E-Mails von CFIDS-Patientinnen. Ich kenne sie „nur“ über das Internet. Sie sind alle schwer krank und schon seit Monaten oder Jahren bettlägerig. Persönlich treffen kann ich sie nicht, denn die meisten von ihnen sind zu krank, um Besuch empfangen zu können. Das Internet ist für sie das einzige Tor zur Welt, die einzige Möglichkeit, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Ich bin so gerührt, dass sie an mich gedacht haben und die Kraft aufgebracht haben, mir einen Weihnachtsgruß zu senden. Ich lese jede einzelne Mail viele Male, weil sie mich so berühren und mich freuen.

Am Nachmittag des Heiligen Abends liege ich im Bett. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte jemand mit einer Bratpfanne draufgehauen, meine Muskeln zucken wie blöd und mein Hals schmerzt – das übliche eben. Mein Mann bringt mir einen Tee ans Bett, immer bemüht, mir das Leben irgendwie einfacher und angenehmer zu machen.

Auf dem Boden liegen die Taschentücher, die ich beim Anschauen der Kinderfotos vollgeheult habe. Das ganze Zimmer duftet nach Hannahs Rosenstrauß. Ich versuche, alle meine Gefühle irgendwie unter einen Hut zu bringen, aber es gelingt mir nicht. Ich denke an meine gesunden Freundinnen, und ich denke an meine Freundinnen, die besonders schwer an CFIDS erkrankt sind. Es fällt mir schwer, diese extreme Spanne zwischen einem Leben in Gesundheit - mit Beruf, Familie und Hobbys - und einem Leben in schwerer Krankheit – ans Bett gebunden, aller Lebensträume beraubt zu sein und mit ständigen Schmerzen leben zu müssen - auszuhalten.


Ich merke, dass ich gleichzeitig traurig und dankbar sein kann.

Von ganzem Herzen kann ich jemandem etwas wünschen, und gleichzeitig bittertraurig darüber sein, dass ich es selbst nicht habe. Für all das Schöne, was das Leben mir geschenkt hat, kann ich dankbar sein und gleichzeitig traurig, dass mir so viel genommen wurde. Ich kann wütend darüber sein, dass ich krank bin, und gleichzeitig dankbar dafür sein, dass ich nicht zu den Schwersterkrankten gehöre. Ich freue mich über das, was mein Leben reich macht, und gleichzeitig schmerzt es mich, dass so viele meiner kranken Freundinnen sich mit weit aus weniger zufrieden geben müssen.


Meine Gedanken sind bei allen, die mir in den letzten Tagen geschrieben haben. Und als es dunkel geworden ist und die Kirchenglocken läuten, weiß ich: Jetzt ist die Heilige Nacht, jetzt ist Weihnachten.





November 2011 - Gedanken über gutgemeinte Ratschläge



In dieser Rubrik möchten wir auch Gedanken mitteilen, die uns beschäftigen. Für die besonders schwer erkrankten CFIDS-Patienten ist ja das Internet oft die einzige Möglichkeit, sich anderen mitzuteilen. Leider jedoch ist es für Hannah unmöglich, einen Text zu schreiben. Sie sagte mir, sie würde auch gerne mal etwas für unsere Internetseite schreiben – aber es geht nicht, sie ist zu schwer krank. Es bleibt uns nichts anderes übrig: Wir können hier nur Texte von mir vorstellen. Hannah, die mit Sicherheit viel zu sagen hätte, kann sich nicht mitteilen. Es schmerzt mich unwahrscheinlich, zu erleben, dass meine beste Freundin so schwer krank ist, dass sie das, was ihr wichtig ist, niemandem mehr sagen kann.

Mich beschäftigt momentan die Reaktion von Gesunden, wenn sie mit Kranken konfrontiert sind. Ich erlebe es immer wieder, dass es Gesunden sehr schwer fällt, es auszuhalten, dass ich krank bin. Häufig meinen gesunde Menschen, sie müssten mir Ratschläge geben – und genau diese gutgemeinten Ratschläge verletzen mich oft sehr.

„Du darfst nicht traurig sein über das, was du verloren hast. Du musst immer auf das Positive schauen. Und vorallem: Du darfst nie die Hoffnung aufgeben!“
Diese Bemerkungen höre ich, seit ich an CFIDS erkrankt bin, oft von Freunden und Verwandten. Wenn ich von meinen beiden schwersterkrankten, bettlägerigen Freundinnen berichte, rät man mir: „Du darfst ihr Leid nicht so nah an dich heranlassen. Du musst dich davon abgrenzen!“ Solche Kommentare verletzen mich sehr.

Als erstes ärgert es mich, dass es kaum möglich ist, jemandem von meinem Leben zu erzählen ohne gleich einen Ratschlag zu bekommen. Ich möchte gerne über mein Leben, über meine Gedanken und Gefühle berichten und wünsche mir einen daran interessierten Zuhörer – und ich möchte, wie jeder andere Mensch auch, von meinen Freunden nicht von oben herab behandelt werden. Sobald man krank ist, scheint man nicht mehr als vollwertige Person zu gelten. Ungebeten bekommt man von allen Seiten Ratschläge – oft von Menschen, die sich gar nicht erst die Mühe machen, sich in die Situation einzufühlen. Der Kranke ist schwach – das ist die gängige Vorstellung in unserer Gesellschaft. Der Kranke ist schwach und bedarf der Hilfe und guter Ratschläge anderer. Aber man könnte es doch auch anders sehen: Der Kranke ist stark – weil er ein großes Leiden auszuhalten vermag und weil er Blicke in Abgründe des menschlichen Lebens geworfen hat, die ein Gesunder nie zu Gesicht bekommt. Wäre es da für die Gesunden nicht spannend und lehrreich, den Kranken zuzuhören – einfach nur zuhören, ohne zu bewerten und ohne Ratschläge zu erteilen?


Am meisten ärgert mich aber das, was mir da geraten wird! „Du darfst nicht traurig sein!“ Warum nicht? „Du musst immer auf das Positive schauen!“ Warum??
Ich denke, ich habe wie jeder andere Mensch das Recht dazu, traurig zu sein. Es gibt keinen Menschen, der immer nur fröhlich ist – und das ist auch gut so, denn sind es nicht gerade die vielen, vielen unterschiedlichen Gefühle und Empfindungen, die unser Leben so reich machen? Sind es nicht die verschiedenen Stimmungen, die das Leben abwechslungsreich und schön sein lassen? Warum sollte gerade ich nicht traurig sein dürfen? Ich gehöre nicht zu den schwersterkrankten, bettlägerigen Patienten, aber die Krankheit hat mir viel genommen: Mein Studium musste ich abbrechen, ich kann nicht arbeiten und bin finanziell abhängig von meinen Eltern, und vielleicht werde ich keine Kinder bekommen können, obwohl ich mir sehnlichst Kinder wünsche. Und da soll ich immer fröhlich sein?

Übrigens habe ich nicht das Gefühl, dass die Gesunden jeden Tag darüber glücklich sind, dass sie alleine auf die Toilette gehen können, dass sie ohne fremde Hilfe essen und sich waschen können. Aber ich soll ununterbrochen dankbar sein, dass ich kein Pflegefall bin. Es ist wirklich merkwürdig: Sobald man krank ist, soll man mit seinem Schicksal zufrieden und für alles dankbar sein. Doch die Gesunden nehmen sich das Recht heraus, über jedes Wehwehchen und jede schwierige Situation in ihrem Leben zu klagen.

Die Menschen, die mir raten, immer optimistisch zu sein und nie die Hoffnung aufzugeben, wissen nicht, was es bedeutet, chronisch krank zu sein. Sie wissen nicht, wie es den Körper schwächt und die Seele zermürbt, NIE gesund zu sein, IMMER krank zu sein, wie viel Kraft es kostet, ununterbrochen Schmerzen zu ertragen, wie sehr es die Geduld strapaziert, die eigenen Wünsche immer auf später zu verschieben. Sie wissen nicht, wie viel Durchhaltevermögen es erfordert, unzählige Behandlungen auszuprobieren und immer wieder vom sich nicht einstellenden Erfolg enttäuscht zu werden. Sie wissen nicht, wie weh es tut, zu sehen, wie andere Menschen ihre Lebensträume erfüllen und die eigenen Träume für immer zerplatzen. Sie wissen nicht, wie anstrengend es ist, ein Leben führen zu müssen, das so völlig anders ist als das Leben, das man sich vorgestellt hat und sie wissen nicht, wie hart ein Leben auf wenigen Quadratmetern ist. Sie wissen nicht, wie viel Vertrauen in das Leben verloren geht, wenn man die elementarsten Bedürfnisse wie Essen und Trinken nicht befriedigen kann, weil der Körper dafür zu schwach ist.

Und diese Menschen befehlen mir, immer optimistisch zu sein, nie die Hoffnung aufzugeben und dazu noch immer gut gelaunt zu sein! Die Menschen, die mir das raten, sind gesund und können sich die meisten ihrer Lebensträume verwirklichen – und ich soll damit zufrieden sein, den Großteil meines Lebens im Bett zu verbringen?
Nein, ich bin damit nicht zufrieden, und ich bin traurig über all die Verluste, die ich erlitten habe. Ist es nicht normal, mit 26 Jahren sich eine Ausbildung, einen Beruf und Kinder zu wünschen? Darf ich mir das nicht wünschen, nur weil ich krank bin? Genauso, wie es in meinem Herz Platz für Glück, Liebe, Freude, Zufriedenheit, Fröhlichkeit gibt, genauso ist in mir Raum für Traurigkeit, Verzweiflung und Angst. Ich weine bittere Tränen über meine verlorenen Träume und manchmal verzweifel ich unter der schweren Last dieser schrecklichen Krankheit.
Ich bin keine Heilige, die immer gelassen in ihrer Mitte ruht, und ich möchte auch keine Heilige sein. Ich bin ein Mensch mitten im Leben, und ich möchte all das, was das Leben bietet, spüren: das Glück, die Liebe, die Freude, die Zufriedenheit – die Verzweiflung, die Angst, den Schmerz, die Traurigkeit.

Auch der Ratschlag, ich solle mich vom Leid meiner schwersterkrankten Freundinnen abgrenzen, verletzt mich. Ist Empathie denn keine Stärke mehr, sondern ein Charakterzug, der bekämpft werden muss? Es ist sicher richtig, dass man durch das Leid anderer sein eigenes Leben nicht dahingehend beeinflussen lassen soll, dass man selbst sich keine Freude mehr erlaubt – aber das hat nichts mit Abgrenzung zu tun. Ich möchte mich vom Leid meiner Freundinnen nicht abgrenzen. Ich möchte ihr Leid so wahrnehmen, wie es ist – auch wenn mich diese Heftigkeit an den Rand meiner Kraft bringt. Für meine Freundinnen möchte ich eine Gefährtin sein, die ihr Leid mit aushält und sich nicht davon abwendet.
Wenn ich das Leid meiner Freundinnen sehe und an mich heranlasse, dann kann ich auch ihre unvorstellbar große Stärke und Kraft sehen, mit der sie ihr Leid ertragen. Und ihre Stärke schenkt mir selbst neue Kraft, neuen Mut und Lebenswillen.
Abgrenzung hingegen führt zur Isolation, zur Vereinzelung und in der Konsequenz daraus zu Kälte.
Letztenendes führt doch nur gesehenes, wahrgenommenes Leid zum Handeln. Nur wenn ich die Not anderer sehe und so nah an mich heran lasse, dass es mich selbst schmerzt, fühle ich mich zum Handeln veranlasst. Und nur, wenn ich verzweifelt bin über meine eigene Situation, die so schlimm nicht wäre, wenn CFIDS besser erforscht wäre und es Behandlungsmöglichkeiten gäbe, nur wenn ich wütend bin darüber, dass ich in einem Land lebe, das zur Erforschung meiner Krankheit noch keinen einzigen Euro ausgegeben hat, nur wenn ich zutiefst traurig über meine Verluste und nicht mit einem Leben im Bett zufrieden bin – nur dann werde ich meine Kraft dafür einsetzen, für eine bessere Zukunft zu kämpfen.
Zufriedenheit – damit meine ich die Zufriedenheit in sich selbst – ist ein hohes und erstrebenswertes Gut. Doch es ist die Unzufriedenheit, die Unzufriedenheit mit den äußeren Umständen, die die Menschen zum Handeln veranlasst und damit die Voraussetzung für eine bessere Welt ist.

Ich wünsche mir, dass kranke Menschen nicht als schwach angesehen werden, sondern als starke Menschen, die jeden Tag mit einer schweren Seite des Menschseins konfrontiert werden, ihr Leben an extreme Bedingungen anpassen müssen und sich dennoch ihre Lebensfreude bewahrt haben. Ich wünsche mir, dass Traurigkeit und Verzweiflung nicht als „negative“ Gefühle, sondern als zum Leben dazugehörig empfunden werden. Ich wünsche mir – und allen anderen! - Menschen, die mich nicht nur gut gelaunt sehen wollen, sondern die auch bereit sind, meine Traurigkeit über meine verlorenen Träume mitzutragen.

Ich denke, dass die Empathie, das Wahrnehmen der Lebenssituation anderer, das Teilen von Freuden und das gemeinsame Aushalten von Schmerz und Leid uns – egal ob krank oder gesund – als Menschen wachsen lässt. Unterdrückte Traurigkeit, zwanghafter Blick auf „das Positive“, krampfhaft aufrecht erhaltene Hoffnung und Abgrenzung – und damit Abwendung – von Freunden können nicht erstrebenswert sein. Vielmehr möchte ich das Leben in seiner ganzen Fülle spüren und aushalten, erleben und gestalten. Auch weiterhin möchte ich das Leid meiner Freundinnen nah an mich heranlassen und mich nicht von ihnen abwenden. Ich bin überzeugt davon, dass ein einseitiger und erzwungener Blick nur auf die guten Seiten des Lebens mich lediglich oberflächlich und kurzfristig erfreuen kann, dass hingegen das wahre Erleben von Glück und das schmerzhafte Aushalten von Leid mich reicher macht.






Januar 2011 - Geburtstagsbrief an Hannah


Meine liebe Hannah!

Heute ist Dein 30. Geburtstag und ich gratuliere Dir von Herzen.

Wir kennen uns nun seit 5 Jahren und haben uns in den letzten 2 ½ Jahren kein einziges Mal sehen können. Vor Monaten haben wir das letzten Mal miteinander telefoniert. Die Krankheit macht es uns schwer, in Kontakt zu bleiben.

Jetzt bist Du 30. Den Großteil Deiner Zwanziger-Jahre, fast alles, hast Du im Bett verbringen müssen. Du hast kaum eine Möglichkeit, Freunde zu finden, und die wenigen Freunde, die Du hast, können Dich nicht besuchen, weil das Dein Gesundheitszustand nicht zulässt. Die meiste Zeit also bist Du allein. Allein mit Deiner Krankheit, allein mit Deinen Schmerzen, allein mit Deinen Ängsten, mit Deinen Sorgen. Ich glaube, das Alleinsein, das Von-der-Welt-Abgeschnitten-Sein, das ist das Schlimmste an dieser Krankheit.
Für die anderen Menschen geht das Leben seinen Gang, es folgen Ereignisse auf Ereignisse. Deine große Schwester hat ihr erstes Kind bekommen. Dein Bruder wird wohl bald seinen Studienabschluss machen. Deine kleine Schwester ist vielleicht schon von zu Hause ausgezogen. Für Dich ändert sich seit Jahren nichts. Alles bleibt gleich, die Schmerzen, die Qual. Keine Besserung. Keine freudigen Ereignisse. Wie schaffst Du das, damit fertig zu werden?

Jeder Mensch braucht Anerkennung. Jeder Mensch braucht freundliche Worte von seinen Mitmenschen. Das ist Nahrung für unser Selbst. Eine bestandene Prüfung an der Uni, Glückwünsche zur Geburt der Kinder, Gratulation zur ersten Arbeitsstelle usw. sind einige Gelegenheiten, bei denen man Anerkennung von anderen Menschen bekommt. Doch nicht nur bei großen Ereignissen, sondern auch im Alltag gibt es oft die Möglichkeit, Lob und nette Worte zu hören: wenn man jemandem einen Gefallen tut, beispielsweise, oder ein lecker gekochtes Essen, das die Familie lobt, und all solche Dinge.

Als ich geheiratet habe, haben mir wochenlang die Menschen, denen ich begegnet bin, zur Hochzeit gratuliert. Ein ganz besonderer Tag war es, als ich bei der Verabschiedung unseres Pfarrers Orgel gespielt habe. Das war kurz nach unserer Hochzeit und ich bin an diesem Tag überhäuft worden mit Glückwünschen: „Alles Gute zu Ihrer Hochzeit! Und vielen Dank für Ihr tolles Orgelspiel, das hat mir sehr gefallen!“ Das habe ich an diesem Tag unzählige Male gehört und das hat mir so unglaublich gut getan. Und da ist mir klar geworden, dass ich so etwas schon sehr lange nicht mehr gehört habe. Tatsächlich konnte ich mich nicht erinnern, wann ich davor das letzte Mal ein Lob gehört habe, wann mir jemand seine Anerkennung für meine Leistung ausgesprochen hat.
Und ich glaube, das ist das Zweitschlimmste an dieser Krankheit, nach dem Alleinsein: permanent zu kämpfen, sich anzustrengen, jeden Tag unglaubliches leisten – aber nie dafür Anerkennung zu bekommen.

Für die meisten von uns CFIDS-Patienten sind die Dinge, für die man normalerweise die Anerkennung seiner Mitmenschen bekommt, nicht mehr machbar. Wir leisten nichts mehr, jedenfalls nichts, was andere als Leistung wahrnehmen. Wir machen keinen Studienabschluss, wir verdienen kein Geld, wir sind nicht toll in unserem Beruf, weil wir nämlich gar nicht arbeiten können. Auch unser Alltag ist so stark eingeschränkt, dass wir uns auch da nicht mehr durch Leistungen hervortun können.

Dennoch bin ich der Meinung, dass wir CFIDS-Patienten sehr sehr viel leisten, jeden Tag, und für Deine übergroßen Leistungen in den letzten 16 Jahren möchte ich Dir heute meine Anerkennung aussprechen.


Ich finde es bewunderswert, dass Du in den letzten 16 Jahren so viele Therapieversuche gemacht hast. Am Anfang ist die Motivation ja noch groß, aber wenn man erst einmal zehn wirkungslose Therapien hinter sich hat, macht sich doch eine gewissen Resignation breit. Zumindest ist das bei mir so, ich würde immer gleich am liebsten den Kopf in den Sand stecken und aufgeben, wenn etwas nicht hilft. Aber Du machst weiter, DU gibst die Hoffnung nicht auf und Du hast so viele Therapien ausprobiert, alles was möglich war, hast Du unternommen, um nur irgendwie gesund zu werden. Als Du die Therapie, die für Dich den größten Nutzen hatte, abbrechen musstest, hast Du nicht aufgegeben, sondern Du hast sofort nach Alternativen gesucht. Damals warst Du schon seit 13 Jahren krank – und hattest immer noch die Kraft, weiter zu kämpfen. Wer kann sich vorstellen, was für eine unglaubliche Kraft es kostet, sich jahrelang verschiedenen, oft schmerzhaften und anstrengenden Therapien zu unterziehen, fern der Heimat, in fremden Städten, allein, ohne Freunde, ohne Unterstützung, im Krankenhaus, ohne Besuch?? Meine liebe Hannah, ich bin sprachlos, wie Du das geschafft hast.

Und dann die Diskriminierungen! Die Ärzte, die Dich nicht ernst nehmen, die Dich beleidigen und demütigen. Du hättest eine Depression, sagen sie, und übersehen völlig, wie fröhlich und optimistisch Du trotz Deiner Krankheit bist. Wenn Du zum Beweise Deiner körperlichen Krankheit Deine schlechten Blutwerte vorzeigst, musst Du erleben, wie die Ärzte das vollkommen ignorieren. Einer sagte einmal zu Dir: „Ihr Blutwerte können gar nicht so schlecht sein – da hat wohl das Labor einen Fehler gemacht!“ Ein anderer Arzt behauptete, Deine Blutwerte seinen deswegen so schlecht, weil Du bei Deiner Mutter wohnen würdest und so unselbstständig seiest. Wie hast Du diese Schikane 16 Jahre lang ertragen?

Und dann das Sozialamt! Auf einmal hieß es, Du hättest das Sozialamt betrogen und hättest Dir unrechtmäßig Sozialleistungen erschlichen. Du solltest mehrere tausend Euro zurückzahlen. Wie kann es nur sein, dass auf den Allerschwächsten, den Menschen, die keinen Cent haben und die so krank sind, dass sie nicht das Haus verlassen können, so herumgetreten wird?


Und die Krankenversicherung! Immer wieder die Briefe, in denen sie Dir erklären, dass eine Therapie nicht notwendig sei, Briefe in Beamten-Deutsch, die mit Deiner Realität so gar nichts zu tun haben. Du könntest ein Gutachten, das die Notwendigkeit der Therapie zeigen soll, erstellen lassen, aber auf eigene Kosten. Woher 1000 Euro für ein Gutachten nehmen? Du kannst es nicht bezahlen, von der Sozialhilfe kannst Du ja kaum die Fahrten zu Ärzten, die Dir ein Gutachten schreiben könnten, finanzieren.


Deine Situation ist unvorstellbar: Du bist schwer krank. Vom Sozialamt wirst Du behandelt wie ein Verbrecher, der sich Leistungen erschleichen will, dabei reicht die Sozialhilfe kaum zum Leben. Fahrten zu Ärzten kannst Du davon nicht bezahlen. Die Krankenkasse will, dass Du ein Gutachten vorlegst, welches sie aber nicht bezahlt. Die Kosten für ein Gutachten kannst Du nicht aufbringen. Einmal ganz davon abgesehen, dass Du ohnehin mittlerweile zu schwach bist, um zu einem Arzt zu fahren. Ein Krankentransport wird natürlich auch nicht bezahlt. Du bist – wie die meisten CFIDS-Patienten – vollkommen ohne medizinische Versorgung. Du musst die Einsamkeit ertragen und die unzähligen Verluste, die die Krankheit mit sich bringt: Du konntest nicht studieren, Du musstest alle Deine Hobbys aufgeben, Deine persönliche Freiheit wurde Dir geraubt, Deine finanzielle Unabhängigkeit genommen, Dein großer Traum von einer eigenen Familie mit Kindern wird vielleicht nicht wahr werden. Dein Allerliebstes, das Geigespielen, musstest Du aufgeben. Und: Du hast nicht nur CFIDS, sondern Du hast auch noch diese Augenerkrankung, die Dir jedes Jahr mehr von Deinem Augenlicht nimmt. Du weißt, dass Du blind werden wirst.

Meine liebe Hannah, Du verdienst einen Orden. Den Orden für Mut und Tapferkeit. Und den Orden für Geduld, den auch, den Orden für Geduld und Ausdauer. Und dann noch einen Orden dafür, dass Du die Hoffnung nicht aufgibst. Du verdienst eine Menge Orden für all das, was Du in den letzten Jahren geleistet hast! Du hast ein Durchhaltevermögen, das seines gleichen sucht. Du hast den Mut, trotz extrem widriger Umstände vorwärts zu gehen, in die Zukunft zu blicken. Du hast die Kraft, viel Leid zu ertragen, und Dich dabei selbst nicht zu verlieren.

Ich wünsche mir, dass die große Stärke derer, die nach außen hin schwach aussehen, viel mehr wahrgenommen wird. Ich wünsche mir, dass die Menschen sich die Mühe machen, genauer hinzusehen und die Stärke der anderen Menschen erkennen. Ich wünsche Dir, dass Deine Stärke gesehen wird. Ich wünsche Dir, dass Du wahrgenommen wirst! Dass nicht nur Deine Krankheit und Deine Hilfsbedürftigkeit gesehen werden, sondern dass Deine Fähigkeiten, Deine Kraft und Dein Mut gesehen werden, dass DU gesehen wirst, das wünsche ich Dir.



Oktober 2010 - meine Namensänderung


Liebe Leser, bitte beachten Sie meine Namensänderung. Aufgrund meiner Heirat heiße ich nun nicht mehr Hanna Frodl, sondern Hanna Seidel. Das Spendenkonto läuft nun also auf meinen neuen Namen. Alle Spenden kommen nach wie vor meiner Freundin Hannah zugute!





Mai 2010 - Offener Brief vom Bündnis ME/CFS

Liebe Leser, hier können Sie den Offenen Brief lesen, den das Bündnis ME/CFS an Frau Merkel, Frau Schavan und Herrn Rösler geschrieben hat:


Offener Brief
Aktion „Gib ME/CFS (d)ein Gesicht“
anlässlich des internationalen ME/CFS-Tages am 12. Mai 2010

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Merkel,
sehr geehrte Frau Bundesministerin Schavan,
sehr geehrter Herr Bundesminister Rösler,

mit circa 300.000 Betroffenen allein in Deutschland zählt Myalgische Enzephalomyelitis/ Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS) keineswegs zu den seltenen Erkrankungen. Dennoch ist die Versorgungssituation für diese oft schwer behinderten oder gar pflegebedürftigen Menschen hierzulande katastrophal.
Von Ärzten und Sozialbehörden im Stich gelassen, sind ME/CFS-Patienten in den meisten Fällen auf finanzielle Unterstützung, Versorgung und Pflege ihrer Verwandten und Freunde angewiesen. Vielfach ans Haus oder sogar an das Bett gebunden, verschwinden sie stillschweigend aus unserer Gesellschaft.
Im Gegensatz zu anderen schweren Erkrankungen stellt der Staat keinerlei Forschungs­gelder für diese noch unzureichend erforschte Krankheit zur Verfügung – wirksame Therapien oder gar die Aussicht auf Heilung sind in weiter Ferne.
Zum diesjährigen Internationalen CFS-Tag am 12. Mai wird das Bündnis ME/CFS deshalb vor dem Deutschen Ärztetag in Dresden eine zentrale Protestveranstaltung durchführen, um auf die große Not und fehlende Versorgung aufmerksam zu machen. Unter dem Motto „Gib ME/CFS (d)ein Gesicht!“ werden deshalb neben Betroffenen auch Angehörige und Freunde stellvertretend für diejenigen demonstrieren, die zu krank sind, um selbst für ihre Belange einzutreten.
Unser Ziel ist es, mit Ärzten, Politik und Öffentlichkeit in Dialog zu treten. Mit unserer Initiative wird es erstmals in Deutschland eine öffentliche Aktion zu ME/CFS geben. Dazu haben sich Vertreter von Patientenorganisationen aus ganz Deutschland zum Bündnis ME/CFS zusammengefunden. Wir engagieren uns für die Forderung nach einer umfassenden, flächendeckenden und an internationalen Standards orientierten medizinischen Versorgung aller Betroffenen. Auch Presse und Medienvertreter sind eingeladen, über die Aktion zu berichten.
Nach mehr als zwanzig Jahren Kampf gegen die Ignoranz von Politik und Medizinsystem und für die Anerkennung unserer Krankheit werden wir den jetzigen Zustand nicht länger akzeptieren.

Viele Ärzte verfügen bis heute nicht über ausreichende Kenntnisse im Umgang mit dem Chronischen Erschöpfungssyndrom ME/CFS. Einige zweifeln sogar noch immer an der Existenz dieser Krankheit. Dabei ist das Krankheitsbild schon vor über 40 Jahren von der WHO als Erkrankung des zentralen Nervensystems unter G 93.3 klassifiziert worden.
Die in Deutschland oftmals zitierten AWMF-Leitlinien und viele andere Publikationen verstoßen mit der Einordnung als psychiatrische Erkrankung (F 48.xx) daher gegen die Klassifi­zierungs­richtlinien der WHO. Viele Publikationen empfehlen falsche Behandlungs­ansätze, die – wissenschaftlich nachgewiesen – im besten Falle wirkungslos sind und den Patienten oft sogar erheblich und dauerhaft schaden.

Der aktuelle Forschungsstand belegt heute eindeutig, dass es sich bei ME/CFS um eine chronische körperliche Erkrankung handelt. Mehr als 4.000 Fachpublikationen belegen mit messbaren Laborparametern ein nicht enden wollendes Infektionsgeschehen bzw. ein durch Viren „umprogrammiertes“ Immunsystem mit schwerwiegenden Folgen für die komplexen neurologischen, immunologischen und endokrinen Steuerungssysteme des Körpers.
Erst im Oktober vergangenen Jahres beschrieben Forscher des Whittemore-Peterson-Institutes in Reno, USA, einen signifikanten Zusammenhang zwischen ME/CFS und der Infektion mit dem 2006 entdeckten Retrovirus XMRV. Das Virus, nach HIV und HTLV das dritte bekannte menschliche Retrovirus, ist potentiell von Mensch zu Mensch übertragbar.
Die sich daraus ergebenden dringenden Konsequenzen im Hinblick auf die Aufklärung möglicher Übertragungswege und in Bezug auf den Infektionsschutz sind von der Bundesregierung unseres Wissens bislang nicht gezogen worden. Kanada hat als Konsequenz aus diesen Forschungsergebnissen im April 2010 ME/CFS-Patienten von Blutspenden ausgeschlossen, und in Japan fand man das Virus bei 1,7 Prozent der gesunden Blutspender. Was unternimmt die Bundesregierung, um die allgemeine Bevölkerung zu schützen – auch unabhängig von der Bedeutung des XMRV für ME/CFS-Patienten?

Nicht nur im Hinblick auf diese Forschungsergebnisse wird die internationale ME/CFS-Forschung in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen und fließt nicht in die ärztlichen Fortbildungen oder Maßnahmen zur Patientenversorgung ein. Dabei könnte dies auch hierzulande bereits zu einer Verbesserung der Versorgung der Patienten führen. Stattdessen gibt es in Deutschland kein einziges Versorgungs­zentrum, um eine angemessene medizinische Behandlung zu gewährleisten. Die Patienten fallen durch alle Netze der medizinischen Versorgung und sozialen Absicherung.


Wir fordern Sie auf:
- eine adäquate medizinische Versorgung in Deutschland anzustoßen
- Patientenorganisationen in die Planung von Versorgungseinrichtungen mit einzubeziehen
- für eine WHO-konforme Einordnung von ME/CFS als neurologische Krankheit (G 93.3) zu sorgen

Wir brauchen dringend:
- Forschung zu ME/CFS unter der Voraussetzung international anerkannter Diagnosekriterien. Bei ungeeigneter Probandenauswahl (Oxfordkriterien, aktuelle deutsche ICD-Klassifikation) dürfen keine Forschungsgelder zur Verfügung gestellt werden.
- die Schulung von Ärzten und Klinikpersonal, um ME/CFS zuverlässig diagnostizieren zu können
-eine Diagnosestellung auf der Basis des Kanadischen Konsensdokumentes (www.cfs-aktuell.de/Konsensdokument.pdf)
- die zuverlässige medizinische Abgrenzung des ME/CFS von anderen, insbesondere psychisch bedingten Erschöpfungszuständen wie Depressionen oder Burn-Out und der „Verwässerung“ des ME/CFS mit dem Begriff „Chronische Müdigkeit“
- die Einrichtung von Abteilungen für besonders schwer erkrankte ME/CFS-Patienten in Kliniken mit speziell geschultem medizinischen und pflegerischem Fachpersonal. Die Abteilungen müssen baulich so beschaffen sein, dass sie auf die extreme Licht- und Geräuschempfindlichkeit der Betroffenen Rücksicht nehmen.
- die Schaffung von mobilen Ärzte- und Pflegeteams, die schwer- und schwerstkranke Patienten, insbesondere betroffene Kinder, zu Hause diagnostizieren, therapieren und pflegerisch betreuen. Dies ist besonders wichtig, da die Anstrengung eines Transportes und der Aufenthalt in einer nicht auf schwerkranke ME/CFS-Patienten eingerichteten Klinik die Krankheit bei den Betroffenen gewöhnlich für lange Zeit oder gar dauerhaft verschlimmern.
- besondere Unterstützungsmaßnahmen der Sozialbehörden, um erkrankte und dauerhaft bettlägerige Kinder zu betreuen und deren Familien zu entlasten.
- die Abkehr von nachweislich schädlichen Therapien wie körperlichem Aufbautraining.


Entsprechend übereinstimmender Studienergebnisse, die regelmäßig eine messbare und tage-, wochen- oder sogar monatelang anhaltende Zustandsverschlechterung bei ME/CFS belegen, werden wir keine Behandlungsansätze akzeptieren, die auf eine vollkommen kontraproduktive körperliche Aktivierung der Erkrankten hinauslaufen. Das Bündnis ME/CFS wird nicht mit Einrichtungen kooperieren, die solche Behandlungsansätze propagieren oder anwenden und fordert alle Betroffenen auf, sich solchen Therapien konsequent zu verweigern.

ME/CFS hat schwerwiegende ökonomische Folgen. In den Vereinigten Staaten beläuft sich allein der jährliche, durch Produktivitätsausfälle verursachte Schaden auf 9.1 Milliarden Dollar, und darin sind medizinische Kosten oder Rentenzahlungen noch nicht enthalten. Die durchschnittliche von CFS betroffene Familie verliert im Jahr 20.000 Dollar an Löhnen und Einkommen.
Diese Zahlen sollten Anlass genug sein, auch über die ökonomischen Folgen für Deutschland nachzudenken. Weitere Kosten entstehen durch die verbreiteten Fehlbehandlungen mit unnützen oder sogar schädlichen Medikamenten und Therapien. Nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch das deutsche Gesundheitssystem nehmen dadurch erheblichen Schaden.

Unsere Bemühungen, auf die Missstände aufmerksam zu machen, stoßen seit rund 20 Jahren auf taube Ohren. Die Ansprechpartner in den verschieden Ministerien und Sozialbehörden zeigten keinerlei Bereitschaft, Veränderungen in die Wege zu leiten. Jede der angesprochenen Stellen erklärte eine jeweils andere für zuständig. Ob bei Krankenkassen, Landesärztekammern, Medizinischen Diensten oder bei der Deutschen Rentenversicherung – man verweist auf die AWMF-Leitlinie Müdigkeit und auf die Leitlinie „Psychosomatische Medizin – somatoforme Störung“, in denen schwer erkrankte Menschen mit ME/CFS jedoch nur beiläufig vorkommen und zudem noch falsch klassifiziert werden.


In den Diskussionen über eine Reformierung des Gesundheitswesens wurde immer betont, dass jeder in Deutschland einen Rechtsanspruch auf eine medizinische Versorgung hat, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft entspricht. Dieses Recht werde auch in der Zukunft unangreifbar sein. Aber genau das scheint für ME/CFS-Kranke nicht zu gelten.
In Kooperation mit ME/CFS-Patientenorganisationen in der Europäischen Union wird das Bündnis ME/CFS daher auch weiterhin jede geeignete Möglichkeit wahrnehmen, auf die Situation der Betroffenen und die jahrelange Untätigkeit der zuständigen Stellen aufmerksam machen. Wir sind nicht bereit, diesen skandalösen Zustand länger hinzunehmen.
Das Bündnis ME/CFS fordert Sie als zuständige Vertreterinnen und Vertreter der Bundesregierung auf, endlich Ihre Verantwortung wahrzunehmen. Wir appellieren an Sie, das Gespräch mit den Betroffenen nicht länger zu verweigern.
Wir erwarten Auskunft darüber, welche Maßnahmen die Bundesregierung angesichts von ME/CFS und XRMV auf kurze und lange Sicht für notwendig hält.
Ihre Stellungnahme auf unseren Offenen Brief würden wir gerne in unseren Print- und Onlinemedien veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen
Nicole Krüger
für das Bündnis ME/CFS





März 2010 - Bündnis ME/CFS gegründet

Ich habe mich hier einige Zeit lang nicht mehr mit Neuigkeiten gemeldet, und das hat folgenden Grund: Im Dezember haben sich Vertreter von Patientenorganisationen und andere Betroffene zum Bündnis ME/CFS zusammengeschlossen, darunter auch ich. Dies geschah aus dem Gedanken heraus, alle Anstrengungen unter einem "Banner" zu vereinen und so die Effektivität der Aufklärungsarbeit über die Krankheit ME/CFS deutlich zu erhöhen. Ziel des Bündnisses ist eine radikale Verbesserung der bisherigen Zustände in Deutschland. Wir wollen einen Paradigmenwechsel einleiten, der dazu führen soll, dass ME/CFS in Deutschland endlich als schwere neuroimmunologische Erkrankung bekannt und anerkannt wird. Wir kämpfen gegen die Diskriminierung von ME/CFS-Patienten und setzen uns für eine bessere medizinische Versorgung ein. Um unsere Ziele zu erreichen, planen wir zahlreiche Aktionen, um die Öffentlichkeit über die katastrophalen Zustände, mit denen ME/CFS-Patienten hierzulande zu kämpfen haben, zu informieren. Unsere erste Aktion wird eine Demonstration vor dem Deutschen Ärztetag in Dresden am 12. Mai sein, verbunden mit einem Offenen Brief an Frau Bundeskanzlerin Merkel, Herrn Gesundheitsminister Rösler und Frau Forschungsministerin Schavan. Die Planung dieser Aktionen nimmt gerade sehr viel Zeit und Kraft in Anspruch. Bald können Sie hier mehr dazu lesen!




Oktober 2009 - Das Leben mit CFIDS

Bald komme ich bereits ins sechste Jahr meiner Erkrankung. Was es bedeutet, gesund zu sein, habe ich schon beinahe vergessen. Mein Alltag erscheint mir mittlerweile als „normal“, nur manchmal fällt mir auf, wie absurd das Leben mit CFIDS ist. Ein paar Beispiele:
Seit über einem Jahr will ich in die Stadt gehen, weil ich einen neuen Pullover brauche. Und ich schaffe es einfach nicht! Letzte Woche habe ich es immerhin bis in die Drogerie geschafft, wo ich Zahnpasta gekauft habe. Na super! Man weiß ja nicht, ob man darüber lachen oder heulen soll. Es klingt so absurd, aber für mich ist das alles normal.
Oder: An manchen Tagen schaffe ich es gegen 11 Uhr endlich vom Bett bis in die Küche, nur um dort festzustellen, dass ich keine Kraft habe, um mir einen Tee zu kochen. Also schleppe ich mich wieder zurück zum Bett. Gegen 13 Uhr habe ich dann die Energie für ein Frühstück, welches mich aber so sehr erschöpft, dass ich wieder bis 15:30 schlafen muss. Um halb vier stehe ich dann auf und bin froh, wenn ich mich dann „einigermaßen“ fühle....
Ich will unbedingt was lernen, also versuche ich zu lesen. Manchmal bin ich nach 10 Minuten völlig am Ende und brauche zwei Stunden Pause. Dann lese ich wieder 10 Minuten, wieder zwei Stunden Pause und so weiter.... Über den Tag verteilt schaffe ich es so vielleicht, eine Stunde zu lernen, aber es ist so unendlich mühsam und macht auch keinen richtigen Spaß.
Einfach mal sich ans Klavier setzen und zwei Stunden spielen! Einfach mal ein Buch lesen! An die Uni fahren! Oh meine Güte, wie gerne würde ich das tun!!!

Am schlimmsten finde ich, dass es einfach nicht aufhört. Es geht immer so weiter, Tag für Tag, Jahr für Jahr.  Jeden Morgen (vielmehr Vormittag...), wenn ich aufwache, fühle ich mich unglaublich krank. Aber nicht seit 5 Tagen oder seit 10 Tagen, sondern seit sage und schreibe 1500 Tagen. Jeden Tag. Doch was ist das schon gegen die weit über 5000 Tage ununterbrochenes Leiden, das Hannah hinter sich hat? Hannah muss das alles ja schon 10 Jahre länger als ich ertragen...

Und immer die Hoffnung, dass es besser wird.
Am Abend: Vielleicht kann ich morgen aufstehen....
Am Morgen: Vielleicht kann ich am Mittag aufstehen.....
am Mittag: Vielleicht kann ich am Abend aufstehen.....
am Abend: Vielleicht kann ich morgen aufstehen....
morgen: Vielleicht kann ich übermorgen aufstehen....
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Unser Besucherzähler steigt, wir haben also Leser! Bitte machen Sie doch Ihre Freunde und Bekannte auf unsere Seite aufmerksam. Mir liegt sehr viel daran, über CFIDS und über Hannahs Schicksal zu informieren.








Juni 2009 - An manchen Tagen...

An manchen Tagen scheint mir das Leben, das ich früher geführt habe, so unendlich weit weg. Mein Leben heute ist ein so völlig anderes als das von Gleichaltrigen. Gestern waren mein Freund und ich Eisessen - ein richtiges Highlight! Solche anstrengenden Unternehmungen können wir nur sehr selten machen. Noch immer halte ich verzweifelt am Versuch fest, zu studieren, lerne im Bett liegend aus Büchern, da ich den Unterricht an der Hochschule nicht besuchen kann, doch nach einer Seite lesen ist die Konzentration weg. Üben kann ich wenig, und Unterricht habe ich dieses Semester überhaupt nicht wahrnehmen können. Ich würde so gerne wieder einfach ganz normal studieren - so wie früher.

Dennoch muss ich mich glücklich schätzen, dass ich überhaupt etwas machen kann. Hannah wäre froh, wenn sie so "aktiv" sein könnte wie ich. Bei ihr geht es einfach nur ums Überleben. Jede Stunde ist für sie eine Qual - und ich habe doch an den meisten Tagen einige erträgliche Stunden, manchmal ja sogar gute!

Dieser Spagat zwischen Traurigkeit über das, was ich verloren habe, und Freude über das, was ich noch bzw wieder habe - das ist auch nicht immer so einfach für mich....






Mai 2009 - Internationaler CFIDS-Tag am 12. Mai!

Wussten Sie, dass am 12. Mai der Internationale CFIDS-Tag war? Wahrscheinlich nicht, denn in den wenigsten Zeitungen dürfte darüber berichtet worden sein. Es ist eine traurige Tatsache, dass CFIDS in Deutschland noch immer weitestgehend ignoriert wird und die Patienten mit ihrer schlimmen Erkrankung allein gelassen werden.

Fakt ist:

- Der biologische Nachweis für CFIDS ist erbracht. CFIDS ist eine neuroimmunologische Erkrankung.

- Es sind bereits einige Todesfälle im Zusammenhang mit CFIDS bekannt geworden.

- CFIDS ist zur Zeit noch nicht heilbar, doch es gibt viele Medikamente, die den Zustand der Patienten bessern und ihnen zu mehr Lebensqualität verhelfen können. Doch die meisten Krankenkassen erstatten diese Medikamente nicht. Für die langwierigen Prozesse gegen die Kassen fehlt den Patienten oft das Geld – und vor allem die Kraft.

- Die Ärztekammern blockieren systematisch die Erforschung von CFIDS. Niedergelassene Ärzte werden nicht über den aktuellen Stand der Wissenschaft aufgeklärt.

- CFIDS führt in den meisten Fällen zur Arbeitsunfähigkeit. Viele Patienten sind über Jahre hinweg ans Bett gefesselt und sind pflegebedürftig.

- CFIDS ist keine seltene Erkrankung. In Deutschland leiden mehrere tausend Menschen – manche Schätzungen gehen von bis zu 300000 Menschen aus – an CFIDS. Alle diese Menschen sind ohne angemessene medizinische Versorgung.

- Auch Kinder können von CFIDS betroffen sein!





März 2009 - Hannah wieder im Krankenhaus

Hannah war wieder einige Wochen im Krankenhaus, um einen neuen Therapiezyklus durchzumachen. Wir sind sehr froh, dass dies mithilfe von Spenden möglich war. Herzlichen Dank an alle Helfer!



Januar 2009 - Unsere Wünsche für die Zukunft


Jetzt ist es schon März und ich stelle hier die „aktuellen“ Neuigkeiten von Januar ins Netz..... Diese Verspätung liegt daran, dass es mir im Dezember und im Januar schlecht bis sehr schlecht ging und ich deswegen nicht viel zustande gebracht habe. Außerdem hat es einige Zeit gedauert, bis alle am Januar-Text Beteiligten sich in einem Zustand befanden, in dem sie fähig waren, etwas zu schreiben – das heißt, auf einen Beitrag müssen wir leider noch immer warten.

Heute sollen auf dieser Seite nämlich auch einmal andere CFIDS-Patienten zu Wort kommen, nämlich unsere Freunde Doreen und Daniel!
Leider war aber Doreen in den letzten drei Monaten nicht in der Lage zu schreiben, da sie fast wöchentlich ein Fall für die Notaufnahme war – sei es wegen Verdacht auf Hirnhautentzündung, sei es weil sie sich stundenlang im Fünf-Minuten-Takt übergeben musste, sei es wegen einer Gehirnerschütterung oder sei es, weil sie einen Kreislaufkollaps hatte. Der Ärmsten geht es gerade gar nicht gut. Ich werde ihren Beitrag dann unten anfügen, wenn sie wieder schreiben kann.....


"Was wünschst Du Dir für Dich persönlich für das Neue Jahr 2009?" - Das war die Frage – vier CFIDS-Patienten zwischen 24 und 28 Jahren haben darauf geantwortet.



Daniel:
Was ich mir wünsche:
Naja. Wenn man fast 8 Jahre lang chronisch krank ist... Eigentlich könnte man sagen: Wenn man 8 Jahre lang schwere Grippe hat, ohne zu genesen. An Fieberschüben, Dauerinfekten, Schwäche, Schüttelfrost und Entzündungen im ganzen Körper leidet. Wenn an manchen Tagen bereits ein kleiner Spaziergang zum unüberwindlichen Hindernis wird und man gezwungenermaßen nur noch ein Schatten seiner selbst ist - dann wird man was Wünsche betrifft doch eher bescheiden.

Es heißt ja so schön: Der Gesunde hat tausend Wünsche, der Kranke nur einen Einzigen.Und ich glaube, auf unsere Erkrankung trifft das im Besonderen zu. Wir haben praktisch 24 Stunden am Tag mit schweren Symptomen zu leben und das über Jahre.
Was ich mir also wünsche ist eigentlich mit einem Wort zu beschreiben: Normalität.
In der Lage zu sein, ein "stinknormales" leben führen zu können, wie es für andere Menschen selbstverständlicher nicht sein könnte. Frei zu sein, ohne vom eigenen Körper ständig die Grenzen aufgezeigt bekommen. Das wäre mein Wunsch für die Zukunft.
Und ich hoffe noch immer, dass er sich irgendwann einmal erfüllen wird.

Aber einen weiteren Wunsch hätte ich noch: Nämlich dass Menschen, die noch niemals ernsthaft krank waren, diesen Zustand auch zu schätzen wissen und ihn nicht als selbstverständlich hinnehmen. Denn ich glaube, dass die meisten Leute gar nicht wissen, wie schön es eigentlich ist gesund zu sein und was es bedeutet, wenn man es plötzlich nicht mehr ist.


Hannah:
- Ich wünsche mir, dass es mir so viel besser geht, dass nicht mehr jeder Tag ausschließlich aus Folter und Qual besteht; so viel besser, dass es nicht mehr so ist, dass ich an jedem Tag, in jeder Stunde -oft auch in jeder Minute- nicht mehr weiß, wie ich sie noch überstehen soll

- Ich wünsche mir, dass es den Menschen, die ich lieb habe, gut geht


- Ich wünsche mir, dass mir mein Augenlicht erhalten bleibt


- Ich wünsche mir, aus dieser schrecklichen, durch meinen momentanen Zustand bedingten Einsamkeit herauszukommen,
wieder genügend Kraft zu haben um mit Menschen reden und Zeit verbringen zu können,
und - auch wenn es momentan wie ein unerfüllbarer Traum erscheint- einen Lebenspartner zu finden


Hanna:
Mein Wunsch: ... ein einziges Mal morgens aufwachen und WACH sein. Keine Halsschmerzen, keine Muskelschmerzen, überhaupt keine Schmerzen .... mein Körper fühlt sich lebendig an und nicht halb tot..... mein Körper ist voller Energie.... ich kann aufstehen, ohne nach ein paar Metern umzufallen.... ich stehe auf und ich kann alles tun, was ich gerne tun will, ich habe ENERGIE, mein Körper ist kräftig, meine Beine tragen mich, ich kann meine Arme ohne Anstrengung bewegen, meine Muskeln gehorchen mir ohne Mühe.... mein Kopf ist klar, ich bin WACH, wirklich WACH, mein Gehirn ist nicht benebelt, ich renne nicht gegen die nächste Wand, weil ich sie nicht sehe, ich kann DENKEN, ich kann mich konzentrieren, ich bekomme alles mit, ich lebe!!!
Dieses Gefühl ein einziges Mal zu erleben, ein einziges Mal wirklich WACH sein ..... das wäre mein großer Traum. Nur für ein paar Stunden..... damit ich mich wieder erinnere, wie sich Gesundheit anfühlt....



Doreen:
folgt noch.......






Dezember 2008 - Schreckliche Nachricht


Wir sind zutiefst schockiert über das Schicksal unserer Leidensgenossin Lynn Gilderdale aus England. Wir bitten unsere Leser, diese Artikel zu lesen, auch wenn sie sehr lang sind. Nur wenn nach und nach überall bekannt wird, welche unsagbaren Folgen CFIDS bzw. ME haben kann, kann sich in der medizinischen Versorgung eine Besserung für die Patienten ergeben. (ME wird im englischsprachigen Raum verwendet für CFIDS).

Artikel Lynn 2006
Artikel Lynn aktuell

Lynn, nur wenig älter als Hannah, lag seit 16 Jahren (!!!) im Bett – unfähig, sich zu bewegen, zu schlucken oder zu sprechen. Lynns Mutter hörte 1992 das letzte Mal die Stimme ihrer Tochter. Vor wenigen Tagen ist Lynn an einer Überdosis Morphium gestorben.
Eine Mutter, die ihre über die Maßen schwerkranke Tochter 16 Jahre lang rund um die Uhr gepflegt hat, wird nun wegen Beihilfe zum Selbstmord inhaftiert. Die Ärzte und Pfleger, die Lynns schwere Erkrankung leugneten, sie falsch behandelten und demütigten und somit Lynns Zustand nur noch verschlimmerten, kommen ungestraft davon.

Die Journalistin Gill Swain fasst Lynns Leiden mit diesen Worten zusammen:
„Ich habe in Afrika Kinder gesehen, die an Hunger leiden, ich traf Menschen, die an Aids starben, Patienten, die vom Hals an gelähmt waren und welche, die Krebs im Endstadium hatten. Aber ich habe nie eine lebende Person gesehen, die so schrecklich krank war wie Lynn Gilderdale.“

Aus den Artikeln von Gill Swain:

„Sie wurde über eine Magensonde ernährt und über einen Zentralvenenkatheder mit Medikamenten versorgt. Ihre Beine waren gelähmt und ohne Gefühl, sie konnte nicht aufrecht sitzen ohne ohnmächtig zu werden und ihr Nacken war zu schwach, um ihren Kopf zu halten. Permanent litt sie Schmerzen. Sie konnte nicht schlucken und sie konnte seit August 1992 nicht mehr sprechen.“

„In der Klinik machte man Experimente, um sie zu „zwingen“ zu gestehen, dass sie alles nur vormachte. Die Krankenschwestern ließen sie stundenlang unbeaufsichtigt, in den Annahme, sie würde schon von alleine ins Bad gehen. Dies hatte entwürdigende Ergebnisse. Die Ärzte fragten sie, ob sie zu Hause misshandelt werden würde, außerdem äußerten sie die Vermutung, Lynn hätte eine Schul-Phobie. Sie beleidigten sie verbal, indem sie zu ihr „dummes, kleines Mädchen“ und „Natürlich kannst Du es selbst tun“ sagten und sie aufforderten, ihre Dinge selbst zu holen.“


Die Leidensgeschichte von Lynn macht uns sprachlos. Ich finde nicht die richtigen Worte, um meine Gefühle auszudrücken.

                                                       

                                                                            In memoriam Lynn Gilderdale





Dezember 2008 - Hannahs Hoffnung

Mittlerweile konnte mir Hannah von ihrem zehnwöchigen Klinikaufenthalt berichten. Sie hat dort sehr viele verschiedene und intensive Therapien erhalten. Die wichtigste war wohl die Fiebertherapie. Dabei wird im Körper durch bestimmte Stoffe, die intravenös verabreicht werden, künstlich Fieber produziert. Das Ziel ist es, zwischen 40 und 41 Grad Celsius zu erreichen. Fieber ist ja eine eigentlich erwünschte Immunreaktion des Körpers auf eingedrungene Viren, die bei der hohen Temperatur absterben. Bei vielen CFIDS-Patienten finden aber die typischen Immunreaktionen wie Fieber, Schleimbildung etc. gar nicht statt – die Viren werden nicht vernichtet, bleiben im Körper und schwächen ihn. Hannah hat in der Klinik also vier Mal einen künstlichen Fieberschub bekommen, was sie als „unbeschreiblich schmerzhaft, wahnsinnig hart und unglaublich anstrengend“ beschreibt. Es war eine ziemliche Tortur, die Hannah, tapfer und ausdauernd wie sie ist, über sich ergehen lassen musste. „Wenn ich noch eine Chance habe, dann ist es die Fiebertherapie“, schreibt Hannah – daraus hört man nicht nur ihre Verzweiflung, sondern auch ihre große Hoffnung: „Ich MUSS die Fiebertherapie unbedingt weitermachen!!“
Insgesamt soll sie zwanzig solche Fieberschübe bekommen. Deswegen soll sie Anfang nächsten Jahres wieder in die Klinik, auch, um die anderen Therapien fortzusetzen. Doch die Krankenkasse hat die letzte Woche der jetzigen Behandlung nicht mehr bezahlt, und es ist bereits sicher, dass sie einen weiteren Klinikaufenthalt nicht bezahlen wird. Es sei „nicht nötig“, befindet die Kasse. Die ersten Wochen haben sie, wie sie es nannten, „nur aus Entgegenkommen und unter Zurückstellung von Bedenken“ bezahlt. Es ist mir völlig unverständlich, wie ein Sachbearbeiter, der weder Medizin studiert hat, noch den Patienten ein einziges Mal gesehen hat, darüber urteilen kann, was ein Patient benötigt, und es macht mich wütend, wie wenig Glauben den Ärzten, die eine Behandlung verordnen, entgegengebracht wird!
Hannah selbst schreibt: „Ich habe keine andere Wahl, ich muss diese Therapie weitermachen. Ich kann so wie jetzt eigentlich nicht weiterleben. Ich muss wenigstens eine klitzekleine Besserung erreichen.“


Des Weiteren hat sich eine Behandlungsmöglichkeit für Hannahs unheilbare Augenerkrankung gefunden. Damit kann zwar die völlige Blindheit nicht verhindert werden, aber sie wird hinausgezögert – dies würde ein paar Jahre länger Augenlicht für Hannah bedeuten... Wie wichtig das für Hannah ist, wird aus ihren Worten deutlich: „Ich kann doch nicht auch noch meine Augen verlieren!“, schreibt sie. „CFIDS in so schlimmer Ausprägung und dazu auch noch blind? Dann bin ich ja vollkommen hilflos! Ich brauche meine Augen auch, um irgendwoher Trost und etwas Positives zu bekommen, wenn ich etwas Schönes sehe!“ Doch – wie sollte es anders sein – auch die Kosten für diese Behandlung werden nicht von der Kasse übernommen.....

Wir hoffen so sehr, dass wir auf diesem Wege Menschen finden, die Hannah finanziell unterstützen können und so ihrer Hoffnung auf Besserung eine Chance geben.




November 2008 - ich versuche zu studieren - Hannah ist wieder zu Hause


Heute muss ich mal ein bisschen was von mir berichten:

Nach über drei Jahren Arbeitsunfähigkeit bin ich nun wieder an einer Musikhochschule eingeschrieben! Mein Kirchenmusikstudium konnte ich nicht wieder aufnehmen, schließlich glaube ich nicht, dass ich in den nächsten Jahren wieder in der Lage sein werde zu dirigieren. So bin ich nun für Musikpädagogik eingeschrieben. Allerdings ist nach wie vor ein normales Studieren völlig unmöglich. Ich besuche nur eine einzige Semesterwochenstunde (statt der üblichen 15), nämlich eine Stunde in meinem Hauptfach Orgel. Desweiteren nimmt eine hilfsbereite Kommilitonin eine Vorlesung für mich auf Minidisc auf. Das ist eine prima Lösung, denn so kann ich mir die Vorlesung anrechnen lassen, und muss trotzdem nicht anwesend sein. Ich kann mich dann ins Bett legen und mir so die Vorlesung anhören. Aber selbst dies ist schwieriger als ich gedacht habe: Nach nur wenigen Minuten ist meine Konzentration schon am Ende und so brauche ich 5 Tage, bis ich die Vorlesung komplett angehört habe. Das kann sich wohl auch keiner vorstellen! Nun, aber ich bin froh, dass es überhaupt geht! Es ist ja machbar, es kostet eben nur sehr viel Zeit und Unmengen Kraft.


Obwohl ich nur so wenig mache (mir kommt es schon seeeeeehr viel vor!), ist es für mich unglaublich anstrengend. Ich kann mich in der Orgelstunde nur schwer konzentrieren, bekomme vieles nicht mit und kann einiges auch nicht umsetzen. Ich sitze dann auf der Orgelbank und brauche meine ganze Energie dafür, überhaupt aufrecht sitzen zu können. Für gedankliche und musikalische Leistungen bleibt da nicht mehr viel Energie übrig. Es tut weh, wenn man körperlich nicht mehr leistungsfähig ist – aber viel schlimmer finde ich es, mit ansehen zu müssen, wie die geistige Leistungsfähigkeit einem verloren geht.
Trotz der ganzen Schwierigkeiten, die ein „Studium“ für mich mit sich bringt, bin ich sehr glücklich darüber, dass ich nach so langer Pause endlich wieder ein bisschen Musik machen kann!

Auch von Hannah gibt es Neuigkeiten:
Sie ist aus der Klinik entlassen und wieder zu Hause, allerdings nur für einige Zeit, da sie Anfang nächsten Jahres wieder in das Krankenhaus zur Weiterbehandlung soll. Von den anstrengenden Therapien ist sie so geschwächt, dass sie nicht in der Lage ist, mit mir zu telefonieren. Deswegen kann ich heute leider noch nicht von ihr berichten. Ob die Medikamente helfen, wird sich ohnehin erst in den nächsten Monaten zeigen. Ausführlichere Informationen über Hannah schreibe ich dann an dieser Stelle, sobald sie wieder mit mir telefonieren kann!




Oktober 2008 - Herbsterinnerungen


Wieder ist Herbst. Ich denke oft an die Zeit vor zwei Jahren. Hannah war damals in einem Krankenhaus in Bottrop. Ich besuchte sie von Essen aus so oft ich konnte. Einmal machten wir auf dem Klinikgelände einen kleinen Spaziergang. Permanent wurden wir von alten Menschen mit Gehwägelchen überholt, so langsam waren wir. Wir versuchten es mit Humor zu nehmen und darüber zu lachen – nach außen hin gelang es uns, aber innen drin wussten wir, dass es eigentlich nicht lustig war. Wir schauten einander an und erkannten, dass wir die gleiche Angst hatten. Das war ein Trost...

Und nun ist wieder Herbst, zwei Jahre später. Hannah ist wieder im Krankenhaus. Für mich hat sich so vieles geändert in den letzten zwei Jahren, so vieles ist für mich besser geworden. Und für Hannah? Hannah geht es genauso schlecht wie damals. Vielleicht hätte es heute anders sein können, wenn sie die Therapie nicht hätte abbrechen müssen.

Wieder quält sie sich durch einen wochenlangen Klinikaufenthalt, mit der großen Hoffnung, endlich Besserung zu erfahren – und immer mit der Angst im Nacken, den Aufenthalt abbrechen zu müssen, weil das Geld fehlt.

Währenddessen spaziere ich durch den Herbst – immer noch langsam, aber viel schneller als damals! - und weiß bald nicht mehr, was ich noch tun kann für sie. Es quält mich, dass ich das große Geschenk der Besserung bekommen habe und meine Freundin nicht.



September 2008 – ein Hoffnungsschimmer


Hannah ist gerade stationär in einer immunologischen Klinik bei Würzburg. Nach langem Hin und Her hat sich die Krankenkasse breitschlagen lassen, die Kosten für vier Wochen zu übernehmen. Natürlich haben wir erst einmal gejubelt – dennoch macht es wütend, dass man als schwerkranker Mensch nicht selbstverständlich einen Krankenhausaufenthalt genehmigt bekommt, sondern die Krankenkasse um jeden Cent anflehen muss. Es ist für einen kranken Menschen unzumutbar, wochenlang mit der Krankenkasse verhandeln zu müssen, ehe man ins Krankenhaus darf! Und die meisten Schwerkranken werden wohl kaum die Kraft dazu haben und sind auf die Hilfe anderer angewiesen – so wie Hannah.


Vier Wochen sind selbstverständlich auch viel zu kurz, um bei einer chronischen Krankheit irgendetwas erreichen zu können. Wir hoffen nun auf Spenden, damit Hannah länger in der Klinik bleiben kann - schließlich ist diese Klinik für Hannah ein erneuter Hoffnungsschimmer nach all der Aussichtslosigkeit des letzten Jahres.



August 2008 - Danke!


Ein ganz herzliches Dankeschön sagen wir all denen, die für Hannah gespendet haben! Leider können wir uns nicht persönlich bei jedem bedanken, da wir die meisten Menschen gar nicht kennen. Ich kann nur hoffen, dass unser Dank Sie auf diesem Wege erreichen wird.



Juli 2008 – Treffen von Hannah und Hanna


Juhu, Hannah und ich haben es endlich geschafft uns zu treffen! Seit Hannah wieder bei ihrer Mutter wohnt und ich in Mainz bin, trennen uns ungefähr 250 Kilometer und so sehen wir uns nie. Nun war ich aber einige Zeit bei meinen Großeltern, die ganz in der Nähe von Hannah wohnen, und so konnte ich sie von dort aus besuchen. Was haben wir uns gefreut!

Ein längerer Besuch mit Übernachtung war leider nicht drin – das hätte für Hannah dann doch zu viel Stress bedeutet. Und so sieht es aus, wenn sich zwei Freundinnen mit CFIDS treffen: :-)

Zuallererst einmal hinlegen! Die Zugfahrt hatte mich erschöpft und so legte ich mich gleich zu Hannah ins Bett. Zum Glück hatte Hannah keinen ihrer ganz schlechten Tage und wir konnten uns sogar richtig unterhalten! Nach einiger Zeit waren wir vom Quatschen müde. Also schliefen wir eine Stunde.

Irgendwie habe ich schon ganz vergessen, was man mit Freunden so unternimmt, wenn man gesund ist! Wahrscheinlich macht man irgendetwas. Wir waren schon froh, dass wir endlich einmal wieder zusammen sein konnten und freuten uns sehr, dass wir uns sogar auch unterhalten konnten. Es war ein wirklich schöner Tag für uns!

Wieder bei meinen Großeltern angekommen, schlief ich in der Nacht 14 Stunden, so sehr hatte mich der Besuch erschöpft. Den Tag darauf verbrachte ich fast ausschließlich liegend, um mich zu regenerieren.

Es hat uns beiden sehr gut getan, miteinander über CFIDS und die ganzen Probleme zu sprechen. Natürlich haben wir auch über vieles andere gesprochen und wir haben viel zusammen gelacht. Auch wenn es uns körperlich sehr entkräftet hat und Hannah mit den Nachwirkungen wohl wesentlich länger zu kämpfen hatte als ich, so hat es uns doch viel Freude gemacht und uns gestärkt.


Manchmal fühle ich mich mit den ganzen Problematiken um CFIDS bei gesunden Menschen unverstanden – was wohl daran liegt, dass es für einen gesunden Menschen wohl einfach nicht gut nachvollziehbar ist, wie ist es, mit CFIDS zu leben. Da tut es gut, wenn man sich mit anderen Patienten unterhalten kann. Und Hannah ist ein Mensch, dessen Nähe einfach erfreut!